Wie ich mein erstes „Kind“ verlor.

Vermissen

Heute wird es emotional. Zumindest für mich. Denn ich schreibe über den Verlust eines Familienmitgliedes. Es musste an dem Tag gehen, an dem ich mit unserem Zaubermädchen nach Hause kam. Unfreiwillig und so schonungslos, dass ich an dieser Stelle schon wieder in Tränen ausbrechen mag.

Bevor ich auch nur ansatzweise an das Kindlein dachte, war ich Mama eines Hundekindes. Er wurde in meinem damaligen Kinderzimmer von der Hündin meiner Eltern geboren und wuchs wohl behütet auf dem Dorf auf. Er war ein verrücktes, heiß und innig geliebtes Fellknäuel. Eine kleine Fußhupe und zuckersüß. Die Welpenzeit verstrich, er wurde größer, rübelhafter, verrückter. Ein kleines verwöhntes Etwas wartete auf mich, wenn ich in den Semesterferien nach Hause fuhr. Dieser Hund war mein Baby, mein Ein und Alles.

Nach dem Studium ging ich wieder zurück in mein Elternhaus und begann mit einem Praktikum in einer großen Stadt. Wuff war an meiner Seite. Auch als meine langjährige Beziehung in die Brüche ging und ich dachte, alles in meinem Leben verloren zu haben. Doch dann war da ein Mann – mein zukünftiger Mann und alles schien gut. Unser Hund – wie ich mittlerweile sagte – entwickelte im Laufe der Zeit viele schwierige Eigenheiten. Andere Tiere wurden pauschal angegangen, spazieren gehen glich einem Spießroutenlauf bis man endlich im ungestörten Wald war. Sah er ein Tier jeder Art, stürzte er sich wie ein Verrückter drauf. Ohne Erbarmen. Keine Chance für uns. Kein Rufen, keine Aktion konnte ihn abhalten. Schon in der Welpenschule zeigte er Tendenzen in diese Richtung – nie im Leben hätten wir an das gedacht, was dann auf uns zukam.

Hinzu kam ein Hautproblem. Er kratzte sich an seinem Maul, teilweise sogar am ganzen Körper. Jahrelang gingen wir bei Ärzten ein und aus, bis wir irgendwann ein Medikament fanden, was ihm halbwegs half. Mit der Hündin meiner Eltern – die ja seine Mutter war – kam es immer öfter zu schweren Reibereien. Er ging auch sie an – teilweise mit blutigem Ausgang. Wir trennten die beiden immer öfter. Fuhren wir in den Urlaub, ging mein kleiner Wuffmann in eine Pension, die uns aber nach einigen Aufenthalten die Betreuung kündigte, da der Hund auch dort außer Rand und Band war.

Parallel suchten wir bereits Hilfe bei den ersten Hundetrainern. Wir gingen jedes Wochenende zum Training. Die Diagnose hieß nur: sie sind nicht der Chef, er macht was er will – ändern sie das. Doch das Training brachte keinen Erfolg. Wir verfolgten einen sanfteren Ansatz in einer anderen Hundeschule, doch auch hier gaben wir nach vielen Monaten auf, da sich nichts änderte. Ich hatte das Gefühl versagt zu haben… und große Angst vor der Zukunft. Wir wussten: wir wollen Nachwuchs. Nur wie soll das mit einem Hund gehen, der scheinbar so aggressiv ist? Wir wussten zwar wie wir ihn zu nehmen hatten – aber eben nur wir. Andere Menschen hatten es da schon schwerer. Wie sollte das erst mit einem Kind werden?

Als er mich dann aus einer scheinbar sinnlosen Situation heraus in die Schläfe biss (ganz knapp am Auge vorbei), lief das Fass über. Die Narbe ziert bis heute mein Gesicht und ich konnte und wollte so nicht weiter machen. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt nicht das Gefühl dem Hund gerecht zu werden. Und auch wenn mein Mann ihn mit ins Büro nahm, so hatten wir ständig das Gefühl, dass er zu kurz kommt. Also überlegten wir, jemanden zu suchen, der mehr Zeit mit ihm verbringen kann. Zunächst dachten wir an einen Hundekindergarten. Bei einem Telefonat wurde aber schnell klar, dass es bei seiner Verfassung niemals zu einer Betreuung kommen wird. Er war ja quasi sozial inkompatibel. Also dachten wir an neue Besitzer, schalteten eine Anzeige und führten einige Telefonate. Doch auch da stellte sich schnell heraus, dass niemand einen derart verhaltensauffälligen Hund haben möchte.

Mir zerriss es während dieser Zeit mehr als einmal das Herz. Ständig hatte ich Angst er könne seiner Umgebung etwas antun. Wir wagten noch einen letzten Versuch mit einer Schule. Die letzte Hundeschule war eine ganz gute Kombination aus den beiden zuvor und wir erzielten ganz ganz langsam erste Erfolge. Sie waren klein und nicht wirklich ausbaufähig. Aber immerhin konnte man wieder recht unbeschwert spazieren gehen. Die Hundetrainerin machte uns aber auch schnell klar, dass Kinder und der Hund eher zu trennen sind, eine Aufsicht selbstverständlich unausweichlich sei.

Dann wurde ich schwanger. Und im Nachinein muss ich sagen, dass ich meine Schwangerschaft nicht wirklich unbeschwert genießen konnte. Abgesehen von all den Problemen mit mir selbst, schwebte das Damokles Schwert Hund täglich über mir. Da ich ab dem 5. Monat zu Hause war, verbrachten der Schnuffi und ich einen herrlichen Winter und Frühling zusammen. Wir waren ganz viel draußen, spazieren und tollten herum. Im Sommer – kurz vor der Geburt des Kindleins – hatte ich dann noch eine Freundin mit Baby zu Besuch. Auch sie hatte zwei Hunde und es klappte super. Unser Hund reagierte neugierig, war anschließend aber recht schnell gelangweilt vom Kind. Das ermutigte meinen Mann und mich. Doch es sollte anders kommen.

Schon Monate vor der Geburt gewöhnten wir unseren Hundemann an den Kinderwagen und das Laufgitter. Die Sachen standen schon lang zuvor aufgebaut im Haus. Es entstanden etliche Bilder, auf denen er an meinem Bauch schnuppert und es fällt mir bis heute sehr schwer, diese anzusehen.

Dann, eines Tages… war es soweit: das Kindlein wurde geboren. Der Papa nahm direkt ein Tuch und eine volle Windel aus dem kleinen Krankenhaus mit nach Hause. Schnuffhund schnüffelte, interessierte sich aber nicht weiter. Als ich zwei Tage später mit dem Kindlein in der Babyschale die Auffahrt hinauf fuhr, hatte ich keine Ahnung von dem, was da kommen würde.

Ich stieg aus, Wuff kam mir entgegen und freute sich riesig auf mich – immerhin war ich 3 Tage nicht zu Hause gewesen. Ich lief um das Auto und holte die Babyschale heraus. Zurück im Eingang des Hauses stellte ich sie vorsichtig auf den Boden. Lange stand sie dort nicht. Wir wissen nicht was es war… oder wer… aber ein Schalter wurde umgelegt. Unser Fellknäuel wollte von einer Sekunde zur anderen in die Schale springen. Er quietschte aufgeregt und war mehr als aufgebracht. Wir konnten das ganz schlecht einordnen und haben die Schale erst mal in den Wohnbereich getragen. Da habe ich das Mäuschen dann heraus genommen und dem Mucki erklärt, wer das ist. Doch mit jeder Sekunde veränderte sich der Hund zusehens. Er begann zu schreien, wie ich es zuvor noch von keinem Hund gehört hatte. Außerdem wollte er an mir hoch springen, so dass ich mich immer wieder mit dem Baby auf dem Arm weg drehen musste. Er war nicht mehr länger nur aufgeregt – er wurde richtig aggressiv.

Ich ging in den Garten und dachte: alles wird gut. Doch der Hund rannte wie eine Furie hinter mir her, die Pupillen riesengroß, das Geschrei weiter unerträglich. Er zitterte am ganzen Körper, knurrte und sprang weiterhin an mir hoch. Irgendwann hatte er fast das Bein im Maul und ich bekam es mit der Angst. Er sprang immer höher und höher.. im Nachhinein wäre das Laufgitter zur Sicherung eine Farce gewesen. Irgendwann sprang er so hoch, dass er fast den Kopf erreichte und mit den Zähnen die Mütze vom Kopf der Minimaus riss. Für mich war der Punkt gekommen, an dem ich wusste – das wird nichts.

Ich ging ins Schlafzimmer, setzte mich mit meinem 3 Tage alten Baby aufs Bett und weinte. Der Hund kratzte unterdessen unentwegt an der Tür, schrie, knurrte, bellte und wollte sich weiterhin wie ein Irrer auf das Kind stürzen. Mein Mann setzte sich zu mir und wir weinten stumm nebeneinander her. Wir hatten zuvor zwar viel über das Thema gesprochen.. aber immer zu dieser nun eingetretenden Situation geschwiegen. Nie im Leben hätten wir mit einer solchen Situation gerechnet. An diesem Tag habe ich mein Baby nach Hause getragen und doch ein Familienmitglied verloren. Meinen heiß und innig geliebten Peppi, der zu diesem Zeitpunkt schon fast 7 Jahre an meiner Seite verbracht hatte.

Der Hund ist nun nicht mehr da. Die Tage danach waren schwer. Ich weinte und weinte. Es zerriss mich – pures Glück auf der einen Seite und so viel Trauer auf der anderen. Es hat mich Monate gekostet halbwegs über den Verlust hinweg zu kommen. Das Kindlein hat dabei natürlich viel geholfen. Bis heute hängt unser Fellknäuel ganz groß an der Bilderwand im Eingang. Und da wird er für immer bleiben – genauso wie in unserem Herzen.

Viele mögen mich verurteilen… und sagen: du hättest dieses oder jenes anders machen müssen. Doch wir waren vor der Geburt im Gespräch mit vielen Trainern, haben uns Tips und Anregungen geholt. Wir haben versucht, das Unmögliche möglich zu machen. Jeder, der uns und den Hund kannte, bestärkte uns: ihr habt das einzig Richtige getan.

Irgendwann – da sind mein Mann und ich uns sicher – werden wir einem Fellknäuel wieder ein liebevolles und warmes Zu Hause geben.

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One comment

  1. Das ist wirklich eine sehr emotionale Geschichte. Aufwühlend und rührend gleichzeitig. Man kann richtig nachfühlen, wie schwer euch die Entscheidung, euren Peppi abzugeben, gefallen sein muss! Mich würde noch interessieren, wo ihr ihn hingegeben habt – konntet/könnt ihr ihn da wo er ist noch ab und zu besuchen oder habt ihr es nach der Trennung dabei belassen, ihn nur noch in Erinnerung zu behalten?

    Manchmal muss man solche schwerwiegenden Entscheidungen treffen, ob man es will oder nicht, und ich finde eure Entscheidung zeugt von großer Verantwortung. Glücklich wäre mit dieser „Familienkonstellation“ wahrscheinlich niemand von euch geworden, Peppi eingeschlossen. Und da, wo er jetzt ist, geht es ihm bestimmt gut!

    Ich wünsche dir, dass du die gemeinsamen sieben Hundejahre mit ihm weiterhin in guter Erinnerung hältst und ihr irgendwann wieder einen Hund findet, der perfekt zu euch passt!

    Liebe Grüße

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