Geschichten aus dem Leben gerissen

Melancholie

Es gibt so Tage. Tage, an denen man glücklich ist. Weil alles so ist wie es ist. Glücklich, weil man Dinge hört und sieht… von denen man denkt: hoffentlich passieren sie uns nicht! Niemals! Bloß nicht wir. Bloß nicht die eigene Familie. Bloß nicht das eigene Kind, bloß nicht der eigene Partner, der Ehemann, die Mutter, die Schwester, der Vater.

Ich habe das neulich erlebt. Einer jungen Familie wurde der Vater entrissen. Eine vermeintlich einfache Krankheit führte dazu, dass ein kerngesunder Mann einfach so starb. Kurz vor Weihnachten. Er hinterlässt zwei kleine Kinder im Alter von 4 Jahren und 6 Monaten. Und eine Frau, eine Mutter.

Ich kannte weder die Familie, noch seine Kinder. Ich kannte nur ihn und hatte im Studium das ein oder andere Mal mit ihm zu tun. Als ich zurück an die Hochschule kam und Grabkerzen mit einem Bild von ihm vorfand, stockte mir zunächst der Atem. Es ist so schwer auszuhalten, wenn Menschen, die man kennt, plötzlich weg sind. Nicht mehr da. Einfach aus dem Leben genommen, entrissen. Als ich dann erfuhr was passiert war und dass er eine kleine Familie hinterlässt, war ich den Tränen nahe.

Es nahm mich schrecklich mit. Gänsehaut überzog meinen Körper und ich wusste gar nicht wohin mit dieser seltsamen Art von Trauer für einen Menschen, den ich vielleicht drei bis fünfmal gesehen hatte. Und dann dachte ich an mich, an meine Familie, an meinen Mann und unser zauberhaftes Mädchen. Ich verglich automatisch, dachte daran, was passieren würde wenn das unserem Papa zustoßen würde. Und das Kindlein Abends verzweifelt nach ihrem Papi schreien würde. Es brach mir das Herz und mein Mitgefühl war und ist so groß wie der Mond.

Ich kam einem Spendenaufruf nach und schrieb die Frau an. Bot Hilfe an. Egal wie. Ich wollte helfen. Irgendetwas tun. Der Gedanke „das hätten auch wir sein können“ fraß mich regelrecht auf. Ich habe so eine Angst, dass unser Leben auseinander brechen kann. Einfach so. Durch so einen banalen Mist. Durch einen Unfall. Durch was auch immer. Durch Krankheiten, schwere Krankheiten. Wir wissen es nicht. Ich weiß noch.. an dem Tag, an dem ich es erfuhr… schloss ich unser Mädchen ganz furchtbar fest in die Arme.

Die Angst geht davon nicht weg. Die Angst, doch jemanden zu verlieren, der einem noch viel näher ist. Wie heftig müssen dann die Gefühle sein? Wie viel hält ein Körper aus? Was verkraftet er?

Letztes Jahr hatte ich noch ein zweites Erlebnis dieser Art. Eine ehemalige Arbeitskollegin starb nur wenige Wochen nach einer Krebsdiagnose. Auch sie hinterlässt zwei wirklich kleine Kinder und einen Ehemann. Auch dieses Ereignis nahm mich sehr mit. Als ich durch Zufall davon erfuhr, dachte ich erst, es sei ein Scherz. Ein böser Scherz. Ein sehr sehr böser Scherz. Aber es war, wie es war. Auch hier hatte ich nur sporadisch mit ihr zu tun.. trotzdem wurde ich förmlich von Trauer geschwemmt. Ich musste tagelang mit den Tränen kämpfen, so schwer war die Situation für mich auszuhalten.

Ich bin ehrlich: früher hätte mich das wohl nicht so sehr mitgenommen. Natürlich hätte ich es trotzdem schrecklich gefunden. Keine Frage. Aber mit Kind ändert sich einfach alles. Um 180 Grad. Alles ist anders. Man lernt dieses kleine Wesen kennen und lieben, weiß um seine Vorlieben und vor allem um die Liebe. Die Liebe zu den Eltern. Beiderseits. Geben und Nehmen. Der Gedanke, dass dieses kleine Zwerglein plötzlich einen der beiden Felse nicht mehr in der Brandung hat. Das ein Mensch plötzlich weg ist. Verschwindet. Für immer. Manchmal kann ich den Gedanken gar nicht ertragen und muss mich ablenken.

Und dann hilft oft nur eines: glücklich sein. Den Tag genießen. Alles nicht so schwer sehen und den Moment nehmen. So wie er ist. In diesem Sinne: habt alle einen schönen Tag!

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